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Das zentrale Thema des amorphen Lebensstils wurde
zu Beginn der Erforschung der Kristallstrukturen zunächst mit "Vielseitigkeit" gleichgesetzt. Das
ist zwar grundsätzlich richtig und tritt auch oftmals so in Erscheinung, muß jedoch nicht sein. Ein amorpher Mensch kann
ebensogut ein ganz einfaches, schlichtes Leben führen. Er kann quasi so
vielseitig sein, daß er wiederum die Möglichkeit besitzt, auch ganz
"normal" zu leben. Er liebt es und legt Wert darauf, sich alle
Möglichkeiten offen zu halten. Daher ist "Freiheit" der eigentliche
zentrale Begriff des amorphen Lebensstiles.
Aus diesem Freiheitsdrang entsteht im absoluten Gegensatz zum kubischen Lebensstil eine starke Abneigung gegen jede Art des Festhaltens, jede Routine und Regelmäßigkeit. Jede Begrenzung wird hier als Verlust wertvoller Möglichkeiten erlebt, die - selbst wenn sie tatsächlich gar nicht gelebt werden - dennoch zumindest als Potential stets zur Verfügung stehen müssen. Ein "amorpher" Mensch kann durchaus ein Leben lang völlig treu sein, wenn ihm der Seitensprung nur grundsätzlich gestattet ist. Doch jedes Verbot führt fast zwangsläufig zum Ausbruch.
Für einen "amorphen" Menschen gilt als Maxime: "Nichts muß bleiben, wie es ist. Alles kann und darf sich spontan ändern." Für ihn liegt der Reiz im Neuen, Unbekannten, wobei er nicht unbedingt danach sucht, es aber jederzeit willkommen heißt. Es geht um die erregende Spannung des Ungewissen, das Spiel mit den Überraschungen des Daseins. Ein Leben ohne Überraschungen wird von einem "amorphen" Menschen als langweilig und dahinsterbend empfunden. Der Sinn des Amorphen liegt in der Erkenntnis, daß die völlige Kontrolle der Lebensumstände zwangsläufig den Spaß des Lebens tötet. Ein Spiel wird nur dann interessant, wenn es unbestimmbare Freiräume besitzt.
Der amorphe Lebensstil wirkt aufgrund seiner Sprunghaftigkeit und starken Lebendigkeit auf Außenstehende meist sowohl anziehend als auch abstoßend. Viele spontane Ideen und eine große Kreativität entspringen dem amorphen. Diese Menschen können Begeisterung und Lebensfreude in einem Maß ausstrahlen, das einfach nur mitreißend wirkt, andererseits sind sie einfach nur unkontrollierbar, was wiederum Menschen mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis leicht Angst machen kann.
Wie alle anderen Lebensstile hat auch das amorphe seine Schattenseiten. "Amorphe" Menschen neigen sehr stark zur Unzuverlässigkeit. Auch passiert es ihnen leicht, daß sie sich in der Vielfalt ihrer unzähligen begonnen Idee verzetteln und Dinge nie zu Ende bringen.
Quellen:
Datei: die-steinheilkunde/01einführung/amorph.html,
© Michael Gienger / Wolfgang Maier